Bewusstsein – der zentrale Faktor nicht nur in der Medizin
Von Matthias Bacher, erschienen in: KIM, 06/2008: 43–45.
Unsere materialistische Konsumgesellschaft und damit auch ihr Medizinsystem sind an einem Limit angelangt: Immer mehr „Fortschritt“ vermag die Probleme nicht mehr zu lösen. Warum ist das so und welche Möglichkeiten zur Abhilfe gibt es, für die Medizin wie für die Gesellschaft als Ganzes? Was bisher fehlt, ist die Bereitschaft, wirklich umzudenken und tatsächlich neue Wege zu beschreiten, anstatt zu „verschlimmbessern“.
Der moderne Mensch von heute hat seinen Bezug zur Natur und sein Gespür für das Leben weitgehend unter den Errungenschaften der Zivilisation vergraben. In seinem gestressten Machbarkeitswahn setzt er sich freiwillig einer stetig wachsenden Zahl von Belastungsfaktoren aus, mit seiner unersättlichen Unzufriedenheit verkompliziert er sein Leben ständig immer mehr, es ist nie genug!
In der Aufsummierung führt dieses Verhalten – abhängig von der inneren Einstellung des Individuums – früher oder später in die Krankheit und bindet so einen großen Teil der medizinischen Kapazitäten, sei es für reine Schadensbegrenzung oder für den manchmal fast aussichtslosen Versuch einer Behandlung der sowohl an Menge als auch Schwere und Komplexität ständig zunehmenden Erkrankungen.
Eine Entwicklung, die sowohl unsere moderne Gesellschaft als auch deren
weitgehend zum Krankheitsverwaltungswesen degradiertes Gesundheitssystem ans Limit manövriert hat: Die Menschen sind „ver-rückt“, weit entfernt von ihrer Mitte. Weder modernste und teilweise exorbitant teure Medizintechnik, noch immer kompliziertere Gesetzgebung vermag daran etwas zu ändern – im Gegenteil.
Die Lösung wäre so einfach
Dabei ist der Ausweg so einfach wie nahe liegend: Es ist eine simple Bewusstseinsänderung – und die fängt bei jedem Menschen selbst an. Eine Rückbesinnung auf die universell gültigen Gesetzmäßigkeiten des Lebens und die radikale Vereinfachung unserer komplizierten, künstlich geschaffenen Welt: Gesundheit ist eine Frage des Bewusstseins, nicht der „Bedrohungslage“.
Es geht darum, das mehr oder weniger vernachlässigte Bewusstsein um die Eigenverantwortung eines jeden Menschen für seine persönliche Lebenssituation als die entscheidende Ebene menschlichen Seins zu würdigen, wodurch die Voraussetzungen geschaffen werden, eine Wandlung im Leben des Patienten tatsächlich Wirklichkeit werden zu lassen. Eine Wandlung, die es ihm ermöglicht, aus sich selbst heraus eine dauerhafte Veränderung seiner Lebenssituation, damit seines Gesundheitszustands und schließlich seines Lebens insgesamt, erfahren zu können.
Die Arbeit am und mit dem Bewusstsein wird in der heutigen Medizin mittlerweile zwar vordergründig zur Kenntnis genommen, aber wenn’s „darauf ankommt“ meistens doch wieder ausgeklammert. Analysen scheinen nach wie vor wichtiger.
„Ganzheitliches Denken gedeiht nicht bei der Analyse, sondern bei der Synthese.“ (Niemz 2007)
Keine neue Erkenntnis an sich – aber wird sie auch angewendet? Solange wir auch in der Komplementärmedizin vorwiegend Analysen betreiben, das Bewusstsein und das Sein jedoch ausklammern – oder bestenfalls dann darauf zurückgreifen, wenn die Analyse doch nicht geholfen hat –, gehen wir nicht wirklich neue Wege!
Warum dieser Weg nicht gegangen wird: Hindernisse
Die Menschen stehen sich selbst im Weg, tragen sie doch den Schlüssel zur Befreiung tief in sich und suchen dennoch in der Außenwelt nach den Ursachen ihrer Leiden; an Orten, an denen es gar nicht möglich ist, fündig zu werden: „Den Menschen fällt es schwer zu glauben, dass ein Bewusstseinszustand frei von jeder Negativität möglich ist. Und doch ist das der befreite Zustand (...) Er ist die versprochene Erlösung, und das nicht in einer illusorischen Zukunft, sondern genau hier, genau JETZT“ (Tolle 2001).
Um das zu verstehen, müssen wir unser „materielles“ Weltbild beiseitelegen und uns uralten Weisheiten zuwenden, universellen Gesetzmäßigkeiten des Lebens, seit Generationen missachtet. Sie alle vermitteln den hohen Stellenwert der Eigenverantwortung eines Jeden für sein Leben, gleichzeitig aber auch die Verbundenheit – alles mit allem. Sie zeigen auf, dass Angst die einzig existierende Krankheit ist. Und dass Heil in der Befreiung von dieser Angst zu finden ist, in einer Lebensweise, die geprägt ist von Liebe und Vertrauen in das Leben. Loslassen, all unsere „Wenn’s und Aber’s“ beiseitelegen; was jedoch keinesfalls einen Verlust bedeutet – im Gegenteil, es bedeutet Gewinn an Gesundheit, Klarheit und
Lebensqualität.
Realitätsbildung, Zeitbegriff, Unersättlichkeit und Bewertungszwang
Da ist also zunächst die Betrachtungsweise von der Welt „da draußen“: Die Annahme, in einer materiellen Welt aus Zeit und Raum zu leben, entspricht nicht der Realität. Mühelos klärt uns die Quantenphysik darüber auf, dass es weder Zeit, noch Raum, noch Objektivität gibt, dass die für unsere Wahrnehmung als „real“ gewohnten Strukturen nichts als Illusionen sind. Das „Ding“ entsteht erst durch die individuelle Beobachtung: Jeder Mensch erschafft sich so seine eigene Welt selbst, abhängig von seiner Prägung und Konditionierung und von seinem Glauben: „Realität ist, was wir als wahr annehmen – was wir als wahr annehmen, ist unsere Realität“ (Warnke).
Da ist weiter unser Umgang mit der Zeit: Der ständige gedankliche Aufenthalt außerhalb der Gegenwart, in Zukunft oder Vergangenheit, in „Räumen“ also, die nicht wirklich existieren, ist eine weitere Ursache menschlichen Dramas. Zukunft und Vergangenheit, nichts als Gedankenformen, nicht real, nicht jetzt in diesem Augenblick präsent; ihnen fehlt das Leben. Das Leben jedoch spielt sich ausschließlich in der Gegenwart ab. Die Menschen halten sich also meistens außerhalb des Lebens auf, leben am realen Leben vorbei!
„Im wirklichen Leben ist dieser Moment das Einzige, was Du hast und was Du je haben wirst, das Einzige, um das Du Dich kümmern musst, kümmern kannst – im Gegensatz zu den Einbildungen des Verstandes.“ (Tolle 2001)
Mit dem Problem der Zeit eng verknüpft ist die ruhelose Unzufriedenheit der Menschen, die immer nur an das denken, was scheinbar fehlt, aber nie sehen, was da ist. Ständig braucht es scheinbar noch irgendetwas, um glücklich, zufrieden, gesund zu sein. Und ist es dann (Zukunft!) endlich da, dann geht es nicht lange und es fehlt wieder etwas.
„Die Wurzeln allen Leidens sind in unserem ständigen Wünschen und Wollen zu finden: Es ist nie genug!“ (Tolle 2001)
Die vierte Ursache für Krankheit und Drama ist die zwanghafte Vorstellung, alle diese Wahrnehmungen bewerten zu müssen. Diese „Schubladisierung“ in gut und böse ist es, die sämtliche Konflikte und Probleme dieser Welt „erschafft“: Immer ist irgendetwas nicht so wie es sein sollte, irgendjemand Opfer irgendeines Umstandes. Die Welt würde völlig anders aussehen, würden wir die Dinge einfach einmal „nur“ zur Kenntnis nehmen – ohne wertendes Urteil, denn die Situation ist, wie sie ist: „Und schon Shakespeare sagte vor mehreren Jahrhunderten: Nichts ist gut oder schlecht, sondern das Denken macht es so.“ (Tolle 2004)
Die ganze Tragweite der hier genannten Gesetzmäßigkeiten des Lebens wird noch viel deutlicher, wenn wir Krankheit nicht als Abweichung von irgendeinem willkürlich und keineswegs „objektiv“ festgelegten Normwert definieren, sondern Krankheit als einen Zustand im Würgegriff von Mangel, Angst und Zeit sehen, oder als Folge von Missachtung des Lebens.
„Die Menschen schaffen die Hölle auf Erden – und das entspringt einem Bewusstseinszustand. Denn was wir auch schaffen auf dieser Erde, kommt zunächst von innen. Was wir als unsere Realität oder unsere Welt schaffen, sowohl unsere persönliche Realität als auch unsere kollektive Realität, entspringt einem gewissen Bewusstseinszustand. Und wenn da etwas nicht stimmt, dann stimmt auch da draußen etwas nicht.“ (Tolle 2004)
Einfach mal zur Ruhe kommen ...
Es gilt also, den Patienten hinzuführen zum Verständnis der Gesetze des Lebens, ihm die Gründe für die im Prinzip gesellschaftlich anerzogene Missachtung derselben vor Augen zu führen, um dadurch sein Verständnis dafür zu wecken, Verhaltensweisen und Prioritäten bei sich selbst anzupassen und darin Heil zu gewinnen. Therapie bedarf dann kaum noch komplexer Methodik, der Weg aus dem Dilemma bedeutet lediglich eine völlige Umkehr, es braucht das genaue Gegenteil dessen, was wir bisher immer dachten.
Die dafür nötigen Voraussetzungen findet jeder Mensch in sich selbst, dem einzigen Ort tatsächlicher Verantwortung. Eigenverantwortung zu übernehmen ist die Botschaft, für sich selbst, sein Leben, den Körper, die Gesundheit, die Krankheiten. Begriffe wie Bewusstsein, bewusste Lebensführung, Gegenwärtigkeit und Präsenz beschreiben, worum es hier geht. Ändern wir die Sichtweise, so erschaffen wir auch eine andere Realität.
Einen allgemein gültigen, "normiert-richtigen" Weg gibt es nicht
Jeder ist natürlich frei in der Entscheidung über sein Weltbild und seine Prioritäten – mit allen Konsequenzen! Somit gibt es auch keinen „falschen“ Weg, denn jeder muss seinen Weg gehen. Alles, was er dabei tut und erlebt, ist daher nicht falsch oder richtig, aber erforderlich, um Einsichten zu gewinnen und Reife zu erlangen – und das ist es, worum es geht: um Ihre eigene Ent-Wicklung! Diese ist jedoch nicht „mit dem Kopf“ zu erreichen, sie muss aus sich heraus, aus Ihrem Innersten heraus entstehen dürfen.
Wichtigster Lehrmeister hierbei sind praktische Erfahrungen. Und diese werden das Leben eines jeden Menschen revolutionieren, der bereit ist, dies auch tatsächlich zuzulassen, in absoluter Offenheit und Ehrlichkeit mit sich selbst und der Welt: Keine Absicht und kein Ziel darf sich dahinter verbergen („Ich will erreichen, dass ...“), sonst schleicht sich das kleine „ich“ wieder ein, und dann funktioniert es nicht. Und: Jeder Mensch muss es wirklich selber tun, niemand kann es ihm abnehmen.
Das gilt sowohl für uns als Behandler mit einer gewissen Vorbildfunktion, als auch für die uns anvertrauten Patienten, denen wir diesen Weg aufzeigen – ein Weg, der herausführen kann aus dem Teufelskreis der Erkrankungen, wenn er ernsthaft und konsequent gegangen wird. Er ist nebenwirkungsfrei und geradezu revolutionär kostengünstig: einzige Therapie ist das Gespräch.
Probieren Sie’s aus – je mehr Sie sich „trauen“, Dinge in Ihrem Leben bewusst anders zu machen, umso mehr werden entsprechende praktische Erfahrungen folgen, die Ihnen stetig mehr Sicherheit geben. Mit der Zeit folgt Ihr Handeln ganz von selbst Ihren neu gewonnenen Erkenntnissen. Das „Denken“ wird dabei immer weniger – was sehr wichtig ist, denn der „Kopf“ ist es, der immer wieder versuchen wird, Sie von diesem Weg abzubringen.
Die innere Einstellung zum Leben finden
Die wichtigste Erkenntnis in dieser immer komplizierter und „bedrohlicher“ werdenden Welt ist daher, dass es die innere Einstellung und die eigenen Gedanken sind, die entscheiden, was „mir“ passiert – und eben nicht die Bedrohlichkeit „äußerer“ Umstände. Eine bewusste Entscheidung treffen – in Eigenverantwortung für das Leben. Gesundheit ist eine Frage des Bewusstseins.
Ich wünsche Ihnen von Herzen viel Freude und Erkenntnis mit Ihren eigenen Erfahrungen.
Literatur:
Bacher, M.
Heilende Worte – Psychologie im Praxisalltag. Dental World 2007;31: 26–27.
Bacher, M.
Idealismus und Wirtschaftlichkeit – kein Widerspruch. EHK 2007;56: 730–732.
Bacher, M.
Es ist Zeit für bewusste Lebensführung. Ärztezeitschrift 2006;9: 566–572.
Bacher, M.
Der Stellenwert des Bewusstseins in der Medizin. GZM-Netzwerkjournal
2005;3: 48–49.
Bacher, M.
Heilung durch Befreiung von Angst. GZM – Praxis & Wissenschaft 2001;4: 18–21.
Filz, B.
Zeitmanagement der vierten Generation. KiM 2007;1: 23–26.
Niemz, M.
„Zufällig oder glaubwürdig – physikalische Hinweise auf das Jenseits“. Vortrag anlässlich der Medizinischen Woche in Baden-Baden, 26.10.2007.
Tolle, E.
Es ist immer Jetzt. Bielefeld: Kamphausen 2004.
Tolle, E.
Jetzt – Die Kraft der Gegenwart. 18. Aufl., Bielefeld: Kamphausen 2008
Warnke, U.
Vortrag anlässlich des GZM-Kongresses in Berlin, 13.05.2001.
Wettingfeld, B.; Filz, B.
Lebensführung. Ärztezeitschrift 2006;4: 256–262.
Wettingfeld, B.
Selbst- & Sozialkompetenz als Basis ganzheitlicher Praxisführung. GZM-Netzwerkjournal 2003;4: 6–9.
