Polymerisation und systemische Wirkungen von Kompositen
Von Just Neiss, erschienen in: Laser Journal 2/2008, S. 24-28.
Wir sind stets bemüht, aktuelle und praxisrelevante Daten über den Einsatz monochromatischen Lichtes in der Mundhöhle zu präsentieren. Und doch sollte der Blick über den eigenen Tellerrand hinaus nie unterbleiben, auch Randgebiete haben ihre Berechtigung. Bei Recherchen stießen wir auf einen interessanten Praxisbericht zur Minimierung systemischer Wirkungen von Kompositfüllungen.
Kompositmaterialen gewinnen in der Zahnheilkunde ständig an Bedeutung. Ihre Wirkungen auf den Gesamtorganismus sind weitgehend unerforscht, können allerdings beträchtlich sein – auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht. Bislang gibt es wenig veröffentlichte Kasuistiken, die uns sensibler machen können für dieses Thema – und für eine repräsentative Patientenstudie bräuchte man standardisierte Voraussetzungen mit mehreren hundert Fällen, die kaum herstellbar sein dürften. So sollten wir wenigstens unsere Möglichkeiten in der Praxis nutzen und genau beobachten. Dieser Bericht soll dazu dienen, ohne wissenschaftlichen Anspruch auf doch recht überraschende, eindeutige, empirische Befunde bezüglich systemischer Wirkungen und deren Ursachen aufmerksam zu machen. Auch wenn Erfahrung bekanntlich keine wissenschaftliche Größe ist, möchte ich nicht auf sie verzichten und meine Patienten auch nicht.
Nil nocere
Trotz allen Wissens um das toxische, allergene und mutagene Potenzial der Inhaltsstoffe von Kompositen und Bondern wird das (Krankheits-)Risiko für die Patienten als gering bewertet. Das ist aus meiner Sicht und Erfahrung eine Fehleinschätzung. Nichtschaden! Diese ärztliche Prämisse auch bei der Verwendung dieser Materialien im Praxisalltag umzusetzen ist schwieriger als allgemein angenommen. Doch wir Zahnärzte können etwas dafür tun.
Goldstandard: 20 oder 40 Sekunden
– oder noch mehr?
Für die (Un)Verträglichkeit eines lichthärtenden Komposits ist nach unseren Testungen nicht nur das Material mit seinen sämtlichen Inhaltsstoffen von Bedeutung, sondern in äußerst hohem Maße auch seine Verarbeitung. Das heißt unter anderem: Wie lange wird mit welchem Polymerisationsgerät ausgehärtet?
Beispielsweise lässt sich eine 2 mm Kompositschicht, Farbe A3, mit einem praxisüblichen Halogengerät (Lichtleistung ca. 650 mW/cm2) auch nicht mit 80 Sekunden Belichtung in einen Zustand biologischer Verträglichkeit versetzen! Dagegen ist das Ergebnis mit einem Hochleistungs- LED-Gerät (1.400 mW/cm2 oder mehr) ein deutlich besseres, sofern man genügend lange härtet: Bei Aushärtezeiten von 40 s, 60 s oder 80 s (Standardmodus) pro 2 mm Schicht wurde mit einer solchen LED ein Grad an biologischer Verträglichkeit erreicht, der mit 20 s, geschweige denn 10 s, völlig unerreichbar ist.
Auch mit einem „Turbolichtleiter“ (2.000 mW/cm2 laut Hersteller) ergaben unsere Testungen bei 10 s jeweils nur Unverträglichkeiten. Je nach Material konnte minimal ab 40 s oder 60 s ein Grad erreicht werden, der als vertretbar gelten kann, d. h. die Regulationsfähigkeit des Patienten war dann nicht mehr eingeschränkt. Da diese extraoralen Proben jedoch alle mit Direktkontakt des Lichtaustrittsfensters auf dem Komposit gehärtet wurden, können sie korrekterweise nicht mit unteren Kompositschichten in einer tiefen Kavität verglichen werden, sondern nur mit der obersten Schicht.
Restmonomere im Praxisalltag
Der Umsetzungsgrad von Mono- und Oligomeren in Polymere ist bekanntlich abhängig sowohl vom verwendeten Lichtgerät und der Belichtungsdauer als auch von der Entfernung der Lichtquelle zum Material, seiner Farbe und Transluzenz, ferner aber auch von der Schichtdicke. Ein weiterer Parameter ist der Belichtungswinkel. So mussten große Füllungen in tiefen Kavitäten bei Belichtungszeiten von 60–90 s pro ca. 2 mm Einzelschicht anschließend jeweils noch zusätzlich 60–90 s von vestibulär und palatinal/lingual gehärtet werden, da sonst nie ein störungsfreies Ergebnis erzielt wurde. Die dafür entscheidenden Faktoren dürften der ungünstige Lichteintrittswinkel an den Kavitätenwänden und der große Abstand zwischen Lichtaustrittsfenster und Kavitätenboden sein – trotz der relativ hohen Lichtintensität. C.P. Ernst et al. haben sich mit dieser Abstandsproblematik befasst.
Das Ergebnis:
Bei einem 7-mm-Abstand zwischen LED und Komposit – wie er in der Praxis oftvorkommt – sind längere Polymerisationszeiten vonnöten als vergleichsweise bei Direktkontakt. Sogar nach den Kriterien der 80-%-Regel, die ich für nicht ausreichend halte, erreichten bei einem solchen Abstand diverse Materialien mit verschiedenen LEDs bei 2 mm Schichtdicke und 40 s Belichtungsdauer keinen hinreichenden Polymerisationsgrad. Für einige galt das auch noch bei 1,5 mm. Um ein störungsfreies Ergebnis zu erzielen, wäre es also eigentlich notwendig, nicht nur länger auszuhärten, sondern in der Tiefe der Kavität auch besonders dünn zu schichten, was sich auch positiv auf die Schrumpfungswerte auswirken würde.
Der Faktor Zeit verleitet uns genau zum Gegenteil. Wir gehen auch gern davon aus, dass die unteren Schichten einer tiefen Kavität spätestens durch die Polymerisation der darüber liegenden Schichten genügend gehärtet werden. Das ist zwar nicht auszuschließen, dürfte aber wohl seltener vorkommen als wir annehmen, wie folgendes Beispiel zeigt. Bei einem der wenigen Materialien, das bereits bei 40 s nicht mehr regulationseinschränkend testete (2 mm Schicht, Farbe A1, Direktkontakt), belichtet: unterste Schicht 40 s, mittlere und obere je 60 s. Diese Probe stellte sich überraschend als regulationseinschränkend heraus – und auch die Probe 40/60/70 s! Wurde jedoch die mittlere Schicht 70 s belichtet, war die Regulationsfähigkeit der Testperson nicht mehr eingeschränkt.
Anscheinend ist es sogar bei sehr hellen Materialien höchst sinnvoll, die unteren Schichten besonders lange zu polymerisieren, wodurch dann auch noch das Bonding zusätzlich gehärtet würde. Die oben beschriebenen Proben wurden alle ohne Bonding hergestellt.
Tetric Ceram® und Tetric Flow®: 40 Sekunden Belichtung sind zu wenig
Die Komposite Tetric Ceram® und Tetric Flow® sollten länger als die empfohlenen 40 Sekunden mit der Polymerisationslampe belichtet werden, fordern Polydorou et al. Die Wissenschaftler fanden deutliche Auswaschungen der (Ko-)Monomere BisGMA und TEGDMA aus den gehärteten Kompositen – auch noch vier Wochen nach der Polymerisation.
Wissenschaftler der Universität Freiburg untersuchten das Auswaschen nicht polymerisierter Monomere aus den beiden gebräuchlichen Dentalmaterialien. Während sie Bisphenol A und UDMA nicht nachweisen konnten, fanden sie – unabhängig von der Belichtungs- und Lagerungszeit – BisGMA und TEGDMA. Aus dem Hybridkomposit Tetric Ceram® wurden dabei signifikant mehr Monomore ausgewaschen als aus dem fließfähigen Tetric Flow®. Die Monomerrückstände bleiben über einen Monat lang auf hohem Level. Eine Variation der Belichtungszeit zwischen 20 oder 40 Sekunden blieb dabei ohne Auswirkung auf die Auswaschung. Erst eine Belichtung über 80 Sekunden verringerte die Freisetzung der Monomere deutlich.
(Quelle: O Polydorou, R Trittler, E Hellwig, K Kümmerer: Elution of monomers from two conventional dental composite materials Dental Materials).
Nanokeramische und fließfähige Komposite brauchen länger
Im Vergleich zu den früher üblichen Kompositen erforderten Materialien mit nanokeramischen Füllern in der Regel längere Belichtungszeiten:
Unsere extraoralen Testungen mit 2 mm Schichtdicke bei Direktkontakt (!) zur Lichtquelle (1.500 mW/cm2), Farbe A3, ergaben, je nach Material, erst ab 80–110 s (A1/50–80 s) ein Ergebnis, das nicht mehr regulationseinschränkend war. Bei Verwendung am Boden einer 8-mm-Kavität lag die notwendige Belichtungszeit nicht unter 120 s (A1/80 s).
Auch die fließfähigen Materialien, die wegen ihrer genialen Eigenschaften gern am Kavitätenboden eingesetzt werden, wo der Abstand zur Lichtquelle nun mal am größten ist, wiesen ähnliche Werte auf – allerdings bei einer Schichtung von grundsätzlich nur 1 mm, zum Beispiel für ein „Flow“ A1(!), das als hellstes Material die kürzeste Zeit braucht: 80 s bei Direktkontakt,120 s am Kavitätenboden. Aber auch für die Fließfähigen gilt: Materialien mit nanokeramischen Füllern brauchen in der Regel noch länger. Das hieß dann für das Nano-Flow A1 desselben Herstellers mit etwa 1 mm Schichtstärke bei Direktkontakt 100 s statt 80 s. Wie lange müsste man dann wohl erst am Boden einer tiefen Kavität belichten?
Die Herstellerempfehlung sieht allerdings sehr anders aus: „Aushärtezeit 20 s“ für die doppelte Schichtstärke, nämlich 2 mm. Diese Angabe findet sich auf allen Kompositen dieses sehr bekannten Herstellers gleichermaßen, auch auf den dunklen. Ergänzt wird sie lediglich um den Hinweis, dass dazu ein Polymerisationsgerät mit einer Leistung von wenigstens 500 mW/cm2 (!!!) verwendet werden sollte. Zur Erinnerung: Die von uns verwendeten Geräte haben im Vergleich dazu die dreifache Lichtstärke.
Auf schriftliche Anfrage meinerseits, ob für ihr Flow eine Aushärtezeit von 20 s mit 500 mW/cm2 auch am Boden einer tiefen Kavität ausreichend sei, erhielt ich ein klares Ja zur Antwort. Man darf staunen, mit welcher Großzügigkeit diverse Veröffentlichungen ignoriert werden, die seit vielen Jahren bekannt sind und immer zum selben Ergebnis kommen: Je größer der Abstand, desto länger muss belichtet werden. Ein auf dem deutschen Markt gut vertretenes Fissurenversiegelungsmaterial stellte sich ebenfalls als sehr zeitaufwendig heraus: Für eine Schicht von etwa 1 mm (Primer mit Sealer) betrug die notwendige Polymerisationszeit 100 s bei Direktkontakt. Wenn die Eindringtiefe jedoch mehr als 1 mm beträgt, was meistens der Fall sein dürfte, sind auch 120 s noch nicht ausreichend.
So darf man wohl vermuten, dass in der täglichen Praxis bei nanokeramisch gefüllten und fließfähigen Materialien ein noch höherer Monomergehalt verbleibt als bei herkömmlichen Kompositen mit hohem Fülleranteil. Auch die dunklen und opaken Farben bedurften verständlicherweise längerer Härtung als die hellen und transluzenten. Eine Belichtungszeit von 40 s war nur bei sehr hellen Farben oder dünnen Schichtdicken bei Direktkontakt ausreichend. Aber wie oft legen wir Füllungen, die diesen Bedingungen genügen?
Verarbeitungstechnik und biologische Wirkung
Der Praxisnormalfall hingegen sieht anders aus. Dazu gehört besonders im hinteren Seitenzahnbereich die Schwierigkeit, eine exakte, zum Kavitätenboden wirklich parallele Positionierung des Lichtaustrittsfensters über die gesamte Belichtungsdauer zu gewährleisten. Der Krümmungswinkel des Lichtleiters ist je nach Mundöffnungsmöglichkeit des Patienten häufig nicht optimal, sodass das Lichtbündel wahrscheinlich nicht immer den gesamten Kavitätenboden gleichermaßen erreicht.
Wenn zudem bei den meisten Geräten zum Schutz des Austrittsfensters direkter Kontakt zum Zahn bzw. zum Komposit vermieden werden soll, außerdem ein Blendschutz die Kontrolle der Position am Zahn erschwert und der Behandler vielleicht doch hin und wieder bei zeitraubenden tiefen Kavitäten der Versuchung erliegt, mehr als 2 mm Schichtdicke zu verarbeiten, dann darf man wohl davon ausgehen, dass Kompositfüllungen unter Praxisnormalbedingungen des Öfteren weniger polymerisiert sind, das heißt einen höheren Monomergehalt aufweisen als beabsichtigt.
Auf die Relevanz von Monomeren für gesundheitliche Beeinträchtigungen verschiedener Art wurde und wird jedoch immer wieder in der Literatur hingewiesen. Zwar kann ich nicht den Monomergehalt von Kompositen bestimmen, jedoch lassen sich immer wieder enorme gesundheitliche – besser gesagt: krankheitliche – Wirkungen von zu kurz gehärteten Kompositen eindeutig feststellen: z.B. Schmerzsymptomatiken an Gelenken, Wirkungen auf das Vegetativum und die Hormonregulation – und als lokale Wirkung die sogenannte postoperative Sensitivität (siehe „Fazit und Aussicht“).
Im Bemühen um Minimierung von toxischen, allergischen, mutagenen und anderen Nebenwirkungen, kommt dem Parameter „Verarbeitungstechnik und Sorgfalt des Behandlers“ aus den beschriebenen Gründen eine Schlüsselposition zu. Konkret heißt das für mich: Der Praxisnormalfall erfordert mit hochwertigen LED-Lampen Polymerisationszeiten von minimal 60 s sogar dann, wenn sehr helle Farben für die mittleren und unteren Schichten einer tiefen Kavität verwendet werden. Je nach Bedingungen (Leistung des Polymerisationsgerätes, Tiefe der Kavität, Material, Schichtstärke etc.) sind aber für eine vollständige Polymerisation unter Umständen 120 s oder mehr pro Schicht erforderlich.
Adhäsive & Co
Dies gilt insbesondere auch für sämtliche adhäsive Befestigungsmaterialien, die zweckgemäß direkt auf die Zahnsubstanz aufgetragen werden und sich somit grundsätzlich in einem gewissen Abstand zur Lichtquelle befinden. Entsprechend den Herstellerempfehlungen liegen die Aushärtezeiten zwischen 10 s und maximal 40 s. Für das 3-Komponenten-Bonding-System Syntac mit Heliobond (Primer, Adhäsiv und Bonding – jeweils hauchdünn gepinselt) ergaben unsere Testungen bereits bei Direktkontakt zur LED 60 s als notwendige Polymerisationszeit! Das bedeutet für die Verwendung in tieferen Kavitäten infolgedessen leider ebenfalls bis zu 120 s, wie bei dünn aufgetragenen fließfähigen Kompositen.
Zwei Fallbeispiele:
Patientin, 41 J.: Schulter-Arm-Syndrom links seit 1,5 Jahren
- Diagnose: Im Schmerzbereich Belastung durch Methacrylat – hervorgerufen durch die Befestigungskomposite der Keramikinlays bei 25 und 26.
- Therapie: Nachpolymerisieren der Befestigungskomposite.
- Ergebnis: Sofort beschwerdefrei seit der Behandlung (März 2006); Ergebnis weiterhin konstant.
Patientin, 42 J.: Herzrasen seit 3 Jahren, Schwindelgefühl, Schlafstörungen
- Diagnose: Hohe Grundbelastung durch Methacrylat – hervorgerufen durch drei kleine Komposit-Füllungen, bei denen sehr wahrscheinlich nur fließfähiges Material verwendet wurde.
- Therapie: Nachpolymerisieren in zwei Sitzungen.
- Ergebnis: Das Herzrasen ist seit der Behandlung (Jan. 07) nicht mehr aufgetreten. Wesentliche Besserung des Schwindelgefühls und der Schlafstörungen.
Und was ist mit den Primern und Adhäsiven, die per se als toxisch gelten? Auch wenn ich es noch nicht so recht glauben kann, es scheint so zu sein, als würde ihre Verträglichkeit ebenfalls von langen Belichtungen mit intensivem LED-Blaulicht nachhaltig positiv beeinflusst. Mit wenigen Ausnahmen testeten langzeitgehärtete dentingebondete Füllungen auch bei späteren Nachprüfungen nicht wesentlich regulationseinschränkend. Da Primer und Adhäsiv aber kein lichtempfindliches Kampferchinon enthalten, ist eine solche Beobachtung zunächst nicht nachvollziehbar. So bedarf auch das gesamte Thema Bonding unter dem Aspekt der biologischen Wirkung weiterer kritischer Würdigung. Dualhärtende Befestigungskomposite für Keramik-Inlays oder -Kronen konnten je nach Material, Lokalisation und Stärke der Keramik nach einer Polymerisationszeit zwischen 80 s und 120 s pro Fläche – in ungünstigen Fällen noch länger – erfreulicherweise als unbedenklich eingestuft werden. Wurden diese Materialien jedoch nicht zusätzlich lichtgehärtet, schränkten sie die Regulationsfähigkeit deutlich ein.
Ebenso wenig verträglich erwiesen sich die von uns getesteten rein selbsthärtenden Befestigungskomposite, gleichermaßen die Core-Materialien, die zunehmend mehr in der Füllungstherapie eingesetzt werden, um die zeitraubende Schichttechnik zu umgehen. Aufgrund dieser Ergebnisse verwenden wir nur noch lichthärtende Materialien und polymerisieren sie von allen Seiten (wichtig!) entsprechend der lokalen Situation (s. o.).Die beiden getesteten Bracket-Kleber benötigten 70 s (Schichtstärke weniger als 1 mm, Direktkontakt), wobei zweierlei unberücksichtigt blieb:
- Der Abstand zum Kleber, der durch die Bracketdicke entsteht.
- Der Umstand, dass das Licht nicht in der Lage ist, metallische Brackets zu durchdringen.
Nicht zu vergessen die in der Zahntechnik verwendeten lichthärtenden Kunststoffe wie Haftvermittler,Verblendungen oder Ähnliches, deren Bestimmungsort ebenfalls im Mund des Patienten liegt! Die Problematik ist im Prinzip dieselbe wie oben ausgeführt, da die im Labor verwendeten Geräte zu schwach bzw. die üblichen Aushärtungszeiten viel zu kurz sind.
Einwände
1. Pulpaüberhitzung durch zu lange Polymerisationszeiten.
Diese mögliche Gefahr ist sehr ernst zu nehmen! Sie ist abhängig von der Betriebstemperatur des Gerätes und der Energiedosis, die die Pulpa als Folge der Lichtabsorption aufnimmt. Folgendes Vorgehen hat sich bewährt, um eine thermische Schädigung der Pulpa auszuschließen:
a. Wechsel des Polymerisationsgerätes nach 40 s oder bei beginnender Zahnempfindlichkeit gegen ein anderes, noch nicht erwärmtes bzw. wieder abgekühltes Gerät,
b. Fortsetzung der Polymerisation erst nach 5–15 s Pause,
c. Sicherheitsabstand von 2–3 mm bei Polymerisation von vestibulär und lingual.
Zur vollständigen Härtung kommen in meiner Praxis aus diesem Grund immer zwei, gegebenenfalls drei Geräte pro Schicht mit jeweils 40 s zum Einsatz, alle mit einer recht niedrigen Arbeitstemperatur (flashlite und radii plus: 1.400 bzw.1.500 mW/cm2 laut Herstellerangaben). Vorsichtshalber sollte aber trotzdem die momentane Arbeitstemperatur durch Fingerdirektkontakt am vorderen Lichtleiterrand kontrolliert und im Zweifelsfall die Arbeit nach einer entsprechenden Pause mit einer zweiten, dritten oder vierten LED fortgesetzt werden.
Ein nichtanästhesierter Zahn gibt uns ja immer sofort und sehr unmissverständlich Auskunft darüber, wie lange er eine Langzeitbelichtung toleriert, ein anästhesierter leider nicht. Deshalb ist ganz besondere Vorsicht unter Anästhesie geboten, des Weiteren bei Pulpitis, pulpennaher Kavität und/oder dünner Dentinschicht, z. B. bei Frontzähnen (Sicherheitsabstand beachten!), ebenso bei dunklem Dentin bzw. dunklen Materialien wegen ihrer höheren Lichtabsorption und damit höheren Wärmespeicherung. Einen maximal ungünstigen Fall treffen wir also z. B. bei einem anästhesierten, pulpitischen, dunklen unteren Frontzahn nach direkter Überkappung an. Um auch seine Pulpa nicht zum „Kochen“ zu bringen, härten wir das Komposit vorsichtshalber erst in einer späteren Sitzung vollständig aus. Auf diese Möglichkeit der Polymerisation in mehreren Sitzungen können wir jederzeit bei allen mit Licht zu härtenden Kompositen zurückgreifen, wann immer wir es für sinnvoll oder notwendig erachten.
In einer Studie für Ivoclar Vivadent über eine bestimmte Hochleistungs-LED kommt der Autor zu dem Ergebnis, dass die kritische Grenze für die Pulpa bei einer Belichtungszeit von 50 s liegt (5,5 °C Erwärmung). Mit nur einem einzigen Gerät dieser Art wären Langzeithärtungen der oben beschriebenen Art nicht zu verantworten. Verwenden wir jedoch pro Schichtmehrere Geräte mit sehr niedrigen Arbeitstemperaturen jeweils nur 40 s, legen zwischen den Belichtungszyklen noch Pausen ein, beachten den Sicherheitsabstand oder setzen gegebenenfalls die Aushärtung erst in einer späteren Sitzung fort, können wir bis zum maximal möglichen Polymerisationsgrad belichten. Nach theoretischen Überlegungen sind fototoxische Effekte auf bestimmte Zelltypen und die Mitochondrien bei hohen Energiedosen pro Zeit durchaus möglich. Ob ein solcher Effekt allerdings auch zum Absterben der Pulpa führen kann, entzieht sich meiner Beurteilungsfähigkeit. Erfreulicherweise decken sich aber diese Überlegungen nicht mit meinen klinischen Beobachtungen der letzten drei Jahre, in denen bei Zähnen mit unkritisch tiefen Kavitäten nach Langzeithärtung nicht eine einzige Pulpanekrose auftrat. Bei (sehr) pulpanahen Kavitäten hingegen kam es zu Nekrosen. Dieses Phänomen entspricht jedoch auch meinen jahrzehntelangen Erfahrungen mit anderen Füllungsarten bzw. kürzeren Belichtungszeiten, die von einem vergleichbaren Anteil von Pulpanekrosen begleitet waren.
2. Der Einwand möglicher höherer Schrumpfungswerte läuft ins Leere, da die entscheidende Schrumpfung in den ersten 20 s stattfindet.
3. Überhärtung
Von Polymerisationszeiten über 40 s können keine negativen Wirkungen auf das Komposit ausgehen, da es grundsätzlich nicht „überpolymerisiert“ werden kann.
Unverantwortlich
Wie ich im persönlichen Gespräch von einem technischen Leiter der Forschungsabteilung eines Kompositherstellers erfuhr, besteht unter Fachleuten intern weitgehend Einigkeit darüber, dass eigentlich 40 s mit LED ausgehärtet werden sollte, um durch einen gesicherten Polymerisationsgrad von ca. 65 % einen hohen Härtegrad zu erreichen, was als hervorragendes Ergebnis gilt. Eine offizielle Empfehlung, so zu verfahren, ist mir nicht bekannt – weder aus Anzeigen, Broschüren oder Gebrauchsinformationen, noch von einem Außendienstmitarbeiter. Im Gegenteil! Die als „ausreichend“ angegebenen Polymerisationszeiten werden eher kürzer als länger. Und wenn eine LED-Werbung (1.200 mW/cm2) eine Aushärtezeit von 10 s für eine 4 mm (!) Schicht empfiehlt, ist dies meines Erachtens eine unverantwortliche Desinformation.
Härte und Verträglichkeit
Der Aspekt der Härte ist ein sehr wichtiger. Der Aspekt der Verträglichkeit sicher auch. Beide treffen sich bekanntlich im Parameter des Monomergehalts, der wiederum durch die Konversionsrate der Polymere bestimmbar ist: Je niedriger der Monomergehalt, desto härter und verträglicher die Füllung. Mit anderen Worten: Die beiden sind aufs Engste miteinander verknüpft. Erstaunlicherweise gibt es bisher anscheinend nur eine einzige Studie, die Monomere nach Polymerisationszeiten von mehr als 60 s pro Schicht untersucht.
Ergebnis: Im Vergleich zu 20 s und 40 s wurden nach 80 s Polymerisationszeit mit einem üblichen Polymerisationsgerät (ca. 800 mW/cm2) für die untersuchten Materialien signifikant weniger Monomere eluiert – trotzdem noch zu viel, befindet die Autorin und plädiert für weiteren Forschungsbedarf.
Wird man vielleicht bald feststellen, dass sogar mit lichtstarken Geräten 100 s oder 120 s oder noch längere Zeiten nötig sind, um vertretbare Werte zu erreichen? Ich halte es für äußerst wünschenswert, wenn diese Fragestellung noch oft Gegenstand von Untersuchungen wird: Mittels Infrarot-Spektroskopie bestimmt man den Gehalt an freien Doppelbindungen und mit der High Performance Liquid Chromatographie (HPLC) den Monomergehalt. Da wir Zahnärzte aber immer am lebenden Objekt arbeiten, bediene ich mich einer Bio-Feedback-Methode, um die Wirkung eines Materials auf den jeweiligen Patienten zu überprüfen.
Das Testverfahren
Mithilfe einer verfeinerten Technik der Kinesiologie unter Einsatz zusätzlicher Verstärkerplatten und eines Polarisationsfilters lässt sich die individuelle Einschränkung der Regulationsfähigkeit durch ein bestimmtes Material sehr gutbestimmen. Diese Regulationsdiagnostik (RD) ist mir nach etwa 20 Jahren Suche nach „meiner“ Testmethode zu einem zusätzlichen, verlässlichen und sehr hilfreichen Instrument meiner Diagnostik geworden, mit dem sich sehr differenzierte Aussagen treffen lassen.
Meine Beobachtungen und Testergebnisse stelle ich hiermit gern zur Diskussion und lade alle (testenden) Kollegen ein, sie zu überprüfen. Aber Vorsicht! Je feiner die Testmethode, desto länger werden die Polymerisationszeiten. Anders ausgedrückt: Als ich kinesiologisch noch ohne Polarisationsfilter testete, dachte ich damit wenigstens krasse Unverträglichkeiten verhindern zu können, was bei zwei Patienten definitiv nicht der Fall war. Die Folge:
1. Herzrasen bei wenigen Treppenstufen und
2. signifikante Blutdruckerhöhung – hervorgerufen durch zu kurz polymerisierte, respektive unzureichend präzise getestete Kompositfüllungen.
Diese beiden Fälle machten mir sehr deutlich, wie wenig wir eigentlich über die biologischen Wirkungen von Kompositen wissen. Vielleicht lässt sich mit anderen Messmethoden noch mehr Licht in dieses Komposit-Dunkel bringen. Was sich aber mit meinen Möglichkeiten bereits immer wieder feststellen lässt, ist der signifikante Unterschied hinsichtlich der biologischen Wirkung von 20 s bzw. minimal 60 s Belichtungszeit pro 2 mm Schicht oder noch längeren Zeiten.
Fazit und Aussicht
Ein lichthärtendes Komposit kann nie zu viel, sehr wohl aber zu wenig polymerisiertwerden. Das Material selbst kann durch Langzeit-Polymerisation keinen Schaden erleiden, sehr wohl aber die Pulpa. Wie effektiver Pulpenschutz praktiziert werden kann, wurde oben beschrieben. Wenn wir das Krankheitsrisiko durch lichthärtende Komposite minimieren wollen, sollten wir lieber länger härten als so kurz wie möglich.
Denn ich habe inzwischen oft genug die Erfahrung gemacht, dass sich unterschiedlichste gesundheitliche Störungen, die schon Jahre bestanden haben, durch eine einzige Intervention innerhalb kürzester Zeit verbessern oder im Idealfall sofort vollständig verschwinden: genügend langes Nachhärten von allen Seiten.
Dabei ist es völlig unerheblich, wie alt die Füllung ist – Hauptsache, sie ist lichthärtend. Ganz „zufällig“ verschwindet dann plötzlich
- der Kopf-, Rücken-, Schulter-, Knie- oder Fußschmerz,
- oder die seit Legen der Füllung bestehende Empfindlichkeit am Zahn selbst.
- oder der Blutdruck oder der Menstruationszyklus normalisiert sich,
- oder die Thioätherwerte oder allergische Reaktionen auf bestimmte Lebensmittel gehen schlagartig stark zurück,
- oder die rezidivierende Blasenentzündung oder das Herzrasen oder das therapieresistente Beinödem ist endlich Vergangenheit
- oder Hautprobleme bessern sich signifikant oder die Patienten berichten von einem Energieschub.
Viele der Wirkungen treten bereits sofort oder am Tag der Nachhärtung ein. Ich kann mir eine eindeutigere Verifizierung des Zusammenhanges mit zu kurz polymerisierten Kompositen nicht vorstellen.
Aufgrund dieser Erfahrungen wage ich die nicht sonderlich kühne These, dass es vielen unserer Patienten gesundheitlich besser ginge, wenn sie vollständig gehärtete Füllungen hätten. Vielleicht können Ärzte, Heilpraktiker und Zahnärzte in den nächsten Jahren mit dem Wissen um die Möglichkeit derartiger Zusammenhänge noch so mancher seltsamen oder „unerklärlichen“ Symptomatik auf die Spur kommen. Jedenfalls bereitet es große Freude, durch Nachhärten (wesentlich) zur Gesundheit beizutragen.
Da sich die biologische Verträglichkeit der hier genannten Materialien – wenn auch recht zeitraubend – so doch aber ebenso einfach wie dramatisch verbessern lässt, sollten wir im Sinne unserer Patienten tun, was wir sowieso wollen: Ihnen nicht schaden, sondern nützen.
Die Literaturliste kann in der Redaktion der Zeitschrift Laser Journal angefordert werden.
