Integrative Zahnheilkunde

Umwelt-Zahnmedizin

Von Gundi Buchholz

Bis zu 90 Prozent aller Erkrankungen in den Industrienationen gehen auf umweltbedingte Einflussfaktoren zurück, so schätzen Experten. Die wissenschaftliche Untersuchung der Prävention, Diagnostik und Therapie solcher Gesundheitsstörungen ist Aufgabe der präventiven bzw. der klinischen Umweltmedizin.

Auch in der Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde ist eine intensive Beschäftigung mit diesen Zusammenhängen unabdingbar. Bereits seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts findet Amalgam als Füllmaterial Verwendung, lange Zeit in Form von Quecksilberamalgam und (später) als Kupferamalgam, heute ausschließlich als Silberamalgam. Fast von Beginn an diskutierte man über die Gesundheitsgefährdungen, die mit der Verwendung von Amalgam einhergehen. Bereits hier lässt sich der Beginn einer Umwelt-Zahnmedizin statuieren, wie sie heute mehr und mehr ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerät.

Potenziell toxische Inhaltsstoffe

Die Quantität der bei der Versorgung mit Zahnersatz Anwendung findenden Inhaltsstoffe ist immens, allein die vom Zahnmediziner Rolf Hartmann etablierte Metalldatenbank verzeichnet 5.400 unterschiedliche Legierungen, welche seit 1992 in Europa verfügbar sind. Hinzu kommen weitere dentale Werkstoffe wie Wurzelfüllmaterialien, Kunststoffe, Kleber, Haftvermittler, Desinfektionsmittel und Zemente, nicht zu vergessen die Lötungen und nickelhaltigen Drähte von Zahn-Regulierungsgeräten. Einzelne Komponenten der Werkstoffe, wie Arsen, Beryllium, Blei, Cadmium, Formaldehyd, Kupfer, Quecksilber, Zink oder Zinn, gelangen durch die im Cavum oris stattfindende Elektrolyse, durch Abrasion und Korrosion in den Organismus. Jeder einzelne Bestandteil kann eine Immunreaktion in Gang setzen.

All diese intraoral eingebrachten Agenzien beeinflussen als potenziell toxische Umweltfaktoren dauerhaft das Individuum. Aufgrund ihres jahrelangen Verbleibs im Mund kontaminieren sie den Organismus langfristig, müssen verstoffwechselt und ausgeschieden werden oder aber werden eingelagert, was zu neurotoxischen Effekten führen kann. In Abhängigkeit von der Immuntoleranz und der Regulationsfähigkeit des Gesamtorganismus („Selbstheilungskraft“) resultiert eine systemische Belastung oder sogar Überlastung des Körpers. Typische Symptome, die auf eine Abwanderung von Toxinen und auf vegetativ-nervale Irritationen zurückzuführen sind, sind Müdigkeit, Schlafstörungen, Allergien, Rücken- und Kopfschmerzen und häufige Infektrezidive – es gibt eine Vielzahl toxischer und immunologischer Probleme, an denen Dentalwerkstoffe beteiligt sein können. Die so entstehende Beeinflussung der Regulationsfähigkeit des Gesamtsystems impliziert letztlich auch die Entstehung zusätzlicher psychischer Effekte.

Wirkmechanismen

An Schädigungsmechanismen unterscheidet man toxische von immunologischen Wirkmechanismen.

Zu den schädlichsten Giftstoffen gehört das Nervengift Quecksilber, das vor allem als Quecksilberdampf stark toxisch wirkt. Zu einer erhöhten Belastung kommt es beim Legen, Polieren und Herausbohren von Amalgamfüllungen. Quecksilber kann einerseits über den Urin ausgeschieden werden, andererseits wird es – vorrangig im Fettgewebe – im Körper eingelagert, was neurodegenerative Pathologien zur Folge haben kann. Bei Verwendung unterschiedlicher metallischer Füllmaterialien werden mit dem Speichel als Elektrolyt vermehrt elektrochemische Effekte evoziert, welche letztlich zu einer erhöhten Korrosion führen.

Doch nicht nur metallische Noxen sind ursächlich für möglicherweise therapieresistente chronische Erkrankungen, auch toxische Metabolite wie Mercaptane, Indole, Polyamine oder Thioäther, die in den Dentintubuli avitaler und endodontisch behandelter Zähne durch die Aktivität von Sypahonosporen gebildet werden, werden resorbiert und haben eine erhebliche regulative Störwirkung auf den Gesamtorganismus. Dies gilt gleichermaßen für Zähne mit und ohne Wurzelfüllung.

Neben der toxischen Belastung durch zahnärztliche Materialien spielen vor allem allergische Sensibilisierungsreaktionen eine Rolle, wobei eine Differenzierung in Typ-I- (Soforttyp) und die bei Dentalersatzmaterialien vorherrschenden Typ-IV-Reaktionen (Spättyp) entscheidend ist. Die selteneren Typ-I-Sensibilisierungsreaktionen werden vor allem durch Wurzelfüllstoffe und methacrylathaltige Kunststoffe ausgelöst. Eine zellvermittelte Immunität vom Typ IV kann durch viele Schwermetalle induziert werden, nicht allein durch Quecksilber. So kommt zum Beispiel häufig eine Sensibilisierung auf Palladium vor, ein Metall, welches auch in hochgoldhaltigen Legierungen Verwendung findet. Aber auch andere Legierungskomponenten können eine Unverträglichkeit auslösen. Dabei wirken freie Metallionen als Haptene, welche durch Koppelung an Proteine diese so verändern, dass sie vom Immunsystem als Allergen behandelt werden. Die zugeführten Stoffe evozieren somit die Lymphokinfreisetzung aus allergenspezifisch sensibilisierten T-Lymphozyten – es handelt sich also immer auch um systemische Reaktionen, bei denen der Organismus über 24 Stunden am Tag stark belastet ist.

Bei Patienten, die unter einer chronischen Abwehrschwäche, chronischer Müdigkeit und Antriebsschwäche, unter Störungen des vegetativen Systems wie zum Beispiel Nachtschweiß, Schlafstörungen etc. leiden, muss immer auch an eine Materialunverträglichkeit gedacht werden. Hierbei sind auch genetische Prädispositionen in Betracht zu ziehen, welche die Reaktionsfähigkeit des Immunsystems beeinflussen. Bei manchen Menschen ist eine Neigung zu Überreaktionen (immunologische High-Responder) vorhanden – oftmals steht dies in Korrelation mit einem ungünstigeren Verlauf chronischer Erkrankungen –, bei anderen wiederum ist die Reaktion zu schwach (Low-Responder). Daher sollte man bei Patienten mit chronischem Beschwerdebild bestimmte Parameter des Immunsystems untersuchen, um zu eruieren, was für den individuellen Organismus an Zusatzbelastungen im Rahmen der zahnärztlichen bzw. kieferorthopädischen Versorgung noch tolerabel ist.

Der immer noch empfohlene Epikutantest beim Hautarzt deckt diese Unverträglichkeiten leider häufig nicht auf, denn der Typ IV bezeichnet Spätreaktionen des Immunsystems, die durch einen Hauttest nicht erfasst werden. Wesentlich aussagekräftiger und zurzeit die einzige umfangreich validierte Labormethode zum Nachweis spezifisch sensibilisierter T-Lymphozyten ist dagegen ein Bluttest: der Lymphozytentransformationstest (LTT). Neben anderen Vorteilen wird beim LTT der Patient keinen potenziell sensibilisierenden oder toxischen Substanzen ausgesetzt und es wird nicht nur die lokale, sondern die systemische Sensibilisierung erfasst. Der Test ist von den privaten Krankenkassen bereits anerkannt, von den Gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) jedoch noch nicht.

Fazit

Welche Materialien in der zahnärztlichen und kieferorthopädischen Behandlung verwendet werden und ob wurzelgefüllte Zähne belassen werden können, kann und sollte immer unter individuellen Gesichtspunkten betrachtet werden. Präventiv gelten nach heutigem Wissensstand der Umwelt-Zahnmedizin die folgenden allgemeinen Grundsätze:

  • Rekonstruktionen sollten möglichst metallfrei sein.
  • Wenn dennoch Metalllegierungen verwendet werden, müssen diese hochwertig verarbeitet sein (Korrosionsschutz).
  • Es dürfen nur möglichst wenige verschiedene Metalle im Mund Verwendung finden.
  • Bei Kunststofffüllungen sollte auf eine Schichtung des Materials und auf eine ausreichende Aushärtung, die oft weit über Herstellerangaben hinausgeht, geachtet werden.
  • Auf Amalgamfüllungen sollte komplett verzichtet werden.
  • Beim Entfernen von Amalgamfüllungen sollten Schutzmaßnahmen getroffen werden, damit die Quecksilberbelastung so gering wie möglich gehalten wird.
  • Es sollten so selten wie möglich Wurzelfüllungen eingebracht werden.
  • Vor Rekonstruktionen bei Patienten mit unklarem oder chronischem Beschwerdebild sollten bestimmte Immunparameter und die einzubringenden Werkstoffe über den LTT untersucht werden.


Autorin:

Dr. med. dent. Gundi Buchholz

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